Stellungnahme 1/2006

 Brief an Staatsminister S. Schneider zu den aktuellen bildungs- und schulpolitischen Entscheidungen des Bayerischen Staatskabinetts;
hier: Veränderungen der Stundentafel am Gymnasium ("G8")

Sehr geehrter Herr Staatsminister Schneider,

mit der Neufassung der Stundentafel für die gymnasiale Oberstufe (24.4.2006) wird erneut keine Übereinstimmung zwischen der Bedeutung der Naturwissenschaften und den Ausbildungszielen des Gymnasiums hergestellt. Gesellschaftliche Notwendigkeiten, wie z.B. technisch-naturwissenschaftliche Grundbildung der Bevölkerung und Sicherung und Förderung des Nachwuchses für technische und naturwissenschaftlich orientierte Berufe werden offensichtlich gering geachtet. Es scheint wichtiger zu sein, die traditionellen gymnasialen Ausbildungsrichtungen zu profilieren, historische Daten und Zusammenhänge lückenlos als Lernstoff einzufordern und mathematische sowie sprachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten um ihrer selbst Willen in den Vordergrund zu stellen.

Es wird dabei übersehen oder aber als vernachlässigbar betrachtet, dass es sich bei Geschichte, Mathematik und Sprache um Instrumentarien handelt, die auf eine Sache bezogen, zielgerichtetes Handeln, Entscheidungsfindung und Verantwortungsübernahme ermöglichen und begünstigen sollen. Solche unverzichtbaren Instrumentarien erhalten ihre Bedeutung aus ihrer Anwendbarkeit, etwa im Zusammenhang mit der zukünftigen Lösung von globalen und lokalen Problemen. Von solchen ist mittlerweile bekannt, dass sie vorrangig technischer und naturwissenschaftlicher Art sind und sein werden. In der Medizin, in der Ernährung, in der Informationstechnologie sowie in vielen anderen Technologien und verwandten Sachgebieten werden in Zukunft die intensivsten und nachhaltigsten Entwicklungen und wohl auch Probleme erwartet!

Um in einem diesbezüglichen Wettbewerb bestehen zu können, muss technisches und naturwissenschaftliches Orientierungswissen nicht nur bei den Experten verfügbar sein. Ein naturwissenschaftlich-technologisches Gymnasium, welches die Voraussetzungen hierfür nicht besonders betont, verdient seine Bezeichnung nicht!

Wer sprachlich versiert kommunizieren kann, wer über mathematische Potenziale verfügt und wer sich seiner Geschichtlichkeit bewusst ist, muss auch etwas zu sagen haben, muss an der Problemlösung der Menschheit seinen konkreten Beitrag erkennen d.h. er muss mit Inhalten argumentieren, muss sich an Berechnungszielen orientieren und muss den eigenen Part im Zuge geschichtlicher Entwicklungen verwirklichen. Mit der jetzigen Konstellation der Naturwissenschaften in der G8-Oberstufe werden diese Ziele konterkariert. Allein die Gleichschaltung der Fächer Biologie, Chemie und Physik, welche sich gravierend voneinander unterscheiden, die im Fall der Chemie eine ganze Industrie vertreten, die an den Universitäten getrennte Fakultäten bilden und die sehr individuelle Wissenschaftgeschichte schreiben unterstützt die Willkür und Zufälligkeit von Bildungswegen, die wir uns nicht mehr leisten können.

Es “tröstet” auch nicht, wenn auf die Mittelstufe verwiesen wird. Nachdem in der Unterstufe das Fach Natur und Technik einem Atavismus gleich, seit den letzten Jahren weitgehend wieder zum ursprünglichen Biologie- und Physikunterricht rückmutiert, hängt der Fachunterricht der Mittelstufe mehr oder weniger beziehungslos in der Luft weil er in der Oberstufe kein Kontinuum findet.

Es ist verhängnisvoll, sich vornehmlich an der Methode (Sprache, Mathematik, Informatik, Geschichte) zu orientieren und die Inhalte (Naturwissenschaften) zu vernachlässigen. Das erscheint mir der gröbste und folgenschwerste Nachteil zu sein, unter dem die Stundentafel leidet.

Und noch eine Schlussfrage: Was bedeutet es, wenn man drei der vergangenen Jahre unter das Motto von Life-Science, Physik und Chemie stellt und sich in der Schule, in einem bayerischen naturwissenschaftlich-technologischen Gymnasium nichts von der damit öffentlich und politisch wirksam proklamierten Bedeutung wieder findet!?

Mit diesem Statement soll der Forderung gegenüber dem Kabinett der Bayerischen Staatsregierung nach einer Anpassung der Stundentafel an die Bildungsziele des naturwissenschaftlich-technologischen Gymnasiums größtmöglicher Nachdruck verliehen werden.

Sehr geehrter Herr Staatsminister, für die Aufmerksamkeit gegenüber den vorgebrachten Bedenken bedanke ich mich herzlich und bitte Sie im Namen der Bayerischen Chemiedidaktiker und auch im Namen der vielen Kollegen und Kolleginnen, die mich in der Stellungnahme bestärkt haben, so auch der neu gegründete Verband der Chemielehrer Bayerischer Gymnasien (VDBG) die vorliegende Entscheidung vor dem Hintergrund der angeführten Argumente und Besorgnisse neu zu überdenken und zu verbessern.

Mit freundlichen Grüßen

Die Mitglieder von ABayCD
Mai 2006

 

 

 
 

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